„Tomorrow's Lawyers“ von Richard Susskind

Geschrieben am 28. Juni 2015

Gerade habe ich das Buch „Tomorrow's Lawyers: An Introduction To Your Future“ von Richard Susskind fertig gelesen. Es befasst sich mit den sich verändernden Anforderungen an die juristische Tätigkeit vor allem in den größeren wirtschaftsberatenden Kanzleien und Rechtsabteilungen.

Ich kann die Lektüre jedem Juristen wärmstens empfehlen. Auf lediglich 165 Seiten werden die Herausforderungen, denen wir uns als Juristen stellen müssen, sehr treffend beschrieben. Der Autor erläutert, dass wir uns auf extreme Veränderungen einstellen müssen. Er macht hier aber nicht halt, sondern zeigt Chancen auf, die sich für Juristen durch diesen Umbruch ergeben - etwas Flexibilität vorausgesetzt. Ein paar im Buch behandelte Aspekte möchte ich aufgreifen:

Richard Susskind erläutert die drei aus seiner Sicht wichtigsten Entwicklungen, die Folgen für den Rechtsmarkt haben werden. Dies sind (1) die durch die Finanzkrise geborene Forderung der Mandanten, immer „mehr für weniger“ zu bekommen, also im wesentlichen die Preise für Rechtsberatung zu drücken, (2) die fortschreitende Liberalisierung des Rechtsberatungsmarkts und (3) die Fortschritte in der Informationstechnologie.

Der Autor sieht im Kern zwei Strategien, um dem zunehmenden Kostendruck zu begegnen: die Effizientstrategie und die Kollaborationsstrategie.

Viele Mandanten sind nicht mehr bereit, die hohen Stundensätze insbesondere für Verwaltungs- und (andere) automatisierbare Arbeiten zu bezahlen. In der Vergangenheit war es oft so, dass auch administrative Tätigkeiten oder Tätigkeiten, die prozessorientiert und/oder automatisiert erledigt werden können, durch hochbezahlte Juristen (manuell) erledigt und in Rechnung gestellt wurden. Es ist verständlich, dass der Mandant für derartige Arbeiten nicht bereit ist, die teilweise horrenden Stundensätze zu bezahlen. Viele Branchen haben in den vergangenen Jahren ihre Strukturen optimiert, vieles automatisiert und effizentere Abläufe eingeführt, um Kosten zu sparen. Es ist nur konsequent, wenn sie dies nun auch von ihren Dienstleistern erwarten. Kanzleien haben hier enormen Nachholbedarf. Bei der Effizienzstrategie geht es also darum, Tätigkeiten zu identifizieren, die effizienter durch weniger gut ausgebildete - und damit günstigere - Mitarbeiter oder mit Hilfe entsprechender Prozesse und technischer Tools erledigt werden können. Richard Susskind bespricht sogar konkrete Technologien, die seiner Meinung nach großes Potential haben. Ganz vorne dabei sind Document Assembly Solutions, also Softwarelösungen, die den Anwender bei der Erstellung komplexer Rechtsdokumente unterstützen.

Die Kollaborationsstrategie führt hingegen nicht zu günstigeren Preisen der Rechtsberatung; sie meint vielmehr, dass sich Mandanten zusammen schließen, um sich die Kosten für Arbeiten, die alle benötigen, teilen zu können.

In der Praxis werden natürlich beide Strategien zum Einsatz kommen; es werden günstigere Preise von den Kanzleien erwartet und man wird versuchen, Kosten durch Kollaboration zu sparen.

Wichtig ist bei alledem die Erkenntnis, dass die juristische Arbeit an vielen Stellen wenig kreativ und damit in Prozessen organisierbar und teilweise automatisierbar ist. Seit unserem Studium haben wir zwar gelernt, dass die juristische Arbeit höchst anspruchsvoll und jeder Rechtsfall individuell ist. Und natürlich trifft dies in der Gesamtbetrachung so gut wie jedes Sachverhalts zu. Bei näherer Betrachtung kommt man jedoch nicht umhin anzuerkennen, dass sich einige „Versatzstücke“ immer wiederholen. Eine wichtige Aufgabe des Juristen besteht in Zukunft darin, diese zu identifizieren und entsprechende Prozesse und Automatisierungen zu implementieren. Hierfür sind allerdings Kompetenzen notwendig, die bisher selten von Juristen verlangt wurden; nicht zuletzt der souveräne Umgang mit Informationstechnolgie.

Der letzte Teil des Buchs befasst sich explizit mit den Chancen, die sich für junge - und jung gebliebene - Juristen im Wandel der Branche ergeben. Welche neuen Player wird es im Rechtsmarkt geben? Welche neuen Berufsbilder werden entstehen? Wie muss sich die Juristenausbildung ändern, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden? Ebenso gibt Richard Susskind einige Tipps, wie Bewerber herausfinden können, ob die Kanzlei, bei der sie sich bewerben, für die Zukunft gewappnet ist oder ob sie besser weiter suchen sollten. Alles sehr spannende Themen, auf die ich hier nicht weiter eingehen kann; ich empfehle die Lektüre des Buchs.

Insgesamt ist das Buch meines Erachtens nach eine sehr gute Einführung in die Überlegungen, die wir Juristen uns heute stellen müssen, um in Zukunft erfolgreich sein zu können. Vor allem wird überzeugend dargelegt, welche Relevanz die Informationstechnologie in der juristischen Arbeit haben wird. Unsere Branche ist sehr konservativ und hat bisher viele Entwicklungen verschlafen. Es ist höchste Zeit, dass wir die technologischen Möglichkeiten nutzen. Nicht um der Technik selbst willen natürlich. Sondern um unser Angebot für den Mandanten besser zu machen.